(Bild) Oskar Becker, Onkel der Malerin Paula Modersohn-Becker, saß im Frühjahr 1861 in Leipziger Bibliotheken. Er studierte orientalische Sprachen. Und er war zornig, ein politischer Feuerkopf und Mitglied einer nationalistisch gesinnten Gruppierung. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche solcher nationalistischen Bewegungen in Deutschland, deren gemeinsame Absicht es war, eine auf einen Nationalstaat gerichtete deutsche Identität zu etablieren. Dem standen die damals herrschenden politischen Kräfte entgegen.
Als größten Widersacher machte der Student den damaligen König von Preußen, späterer Kaiser Wilhelm I., aus und beschloss im Juli 1861, ihn zu ermorden. Wilhelm wiederum war zu dieser Zeit auf einem Erholungstrip in Baden-Baden. Becker kaufte sich eine doppelläufige Pistole, fuhr nach Baden-Baden und traf auf der Lichtentaler Allee auf den König. Becker zog seine Waffe, zielte eine Sekunde, doch er verriss beide Schüsse und wurde eingeknastet.
Wilhelm atmete durch und blickte auf die sommerliche Allee. Er glaubte nicht an Glück, sondern an Vorsehung. Ein Dankeschön an Gott war fällig. Eines, das sich sehen lassen konnte. Der König entschloss sich, auf dem damals höchsten Punkt Berlins eine prächtige Kirche zu errichten.
Zu Baubeginn war die Gegend um den Zionskirchplatz weitgehend noch Ackerland. Nach den Vorgaben der Architekten Möller und Orth wurde von 1866 bis 1873 eine kreuzförmige Emporenkirche errichtet, die wir Heutigen salopp dem Stil der Neoromanik zuordnen. Am 2. März 1873 wurde in Anwesenheit des Kaisers und seines Reichskanzlers Bismarck die Eröffnung gefeiert.
Eine andere Wendung nahm das Schicksal Oskar Beckers. Wilhelm hatte ihn fünf Jahre im Kerker sitzen lassen und ihn 1866 begnadigt. Becker wanderte erst nach Nordamerika aus und ging dann in die ägyptische Hafenstadt Alexandria, wo er 1868 wohl nicht zuletzt an den Folgen der Haft verstarb.
[Text: Jörg Alsdorf, www.mediaphilosophy.de]





