Hôtel Biron – Gebäude und Garten
Musée Rodin – Die Kunstsammlung
Auftraggeber: ein neureicher Perückenmacher
Das in unmittelbarer Nachbarschaft des Invalidendoms gelegene Rodinmuseum befindet sich im Hôtel Biron, einer von 1728 bis 1731 vom Architekten Jean Aubert erbauten Stadtvilla, in Auftrag gegeben von Abraham Peyrenc de Moras. Der zu großem Reichtum gekommene Perückenmacher hatte nicht lange Freude an seinem Palast – er starb kurz nach dessen Fertigstellung. Jedoch hinterließ er ein Meisterwerk des französischen Rokoko: Die schmückenden Stuckornamente im Innern, die Gestaltung der Fassaden und nicht zuletzt die Südterrasse zeugen davon.
Seine Witwe vermietete das Haus an die Herzogin du Maine, eine Nichte Ludwigs XIV. Nach deren Tod 1753 wurde der Besitz an den Marschall Biron verkauft, dessen Namen es heute noch trägt.
Biron: Marschall und Gartenarchitekt
Als Militär hatte Biron zwar viele Schlachtfelder verwüstet, mit seinem Besitz ging er jedoch ganz anders um: die heutige Gestalt des drei Hektar großen Gartens ist hauptsächlich sein Verdienst. Schon zu seinen Zeiten gehörte der Garten zu den feinsten der Stadt. Der spätere Zar Paul I. kam 1782 inkognito zu Besuch. Ihm hatte es die Kunstfertigkeit des Gartens mit seinen vielen Blumenrabatten, verschlungenen Pfaden, Arkaden, Grotten, beschnittenen Hecken, Blütendächern und chinesischen Pavillons besonders angetan.
Nach der Revolution: Ballhaus, Messegelände, Botschaft
Der Marschall vererbte die schlossähnliche Villa samt Garten an seinen Neffen, den Herzog von Lauzun, der allerdings 1793, in der Zeit des Revolutionsterrors guillotiniert wurde. Damals fanden öffentliche Bälle im Hôtel Biron statt, gelegentlich auch Privatpartys aller Art. Zeitweise war das Gelände ein Handels- und Messeplatz. Auf die einstige Pracht der Gartenkunst wurde dabei kein gesteigerter Wert gelegt. Im ersten Kaiserreich befanden sich hier nacheinander die Botschaften des Heiligen Stuhls und des russischen Zaren.
Kehraus
1820 ging der Besitz an die Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu. Ihr diente er als Stätte der Bildung für höhere Töchter und Blaublüterinnen. Mutter Sohie Barat verbannte allen Luxus aus den Räumen, nicht einmal eine Heizung gab es. Unter ihrer Ägide wurden auch sämtliche Stuckelemente, Bemalungen, Dekore etc. entfernt. Auch wenn während dieser Jahre die neogotische Kapelle auf dem Gelände gebaut wurde – es war die schwärzeste Periode des Hôtels Biron. Sie war erst mit der staatlichen Konfiszierung 1905 beendet. Da allerdings glich das Haus eher einer leeren Muschelschale und der einst kunstvoll gestaltete Garten war vollkommen verwildert.
Haus der Künstler – Haus der Kunst
Im 20. Jahrhundert ging es wieder aufwärts. Der mit staatlichen Aufträgen überhäufte Rodin entdeckte diesen Platz 1908 und richtete eines seiner Ateliers hier ein. (Bereits andere Künstler lebten und arbeiteten hier: Isadora Duncan, Henri Matisse and Jean Cocteau.) 1910 erwarb der Staat die Domäne dann offiziell. 1919 öffnete das Rodinmuseum seine Pforten für die Öffentlichkeit, der 1917 verstorbene Künstler hatte sein gesamtes Werk der Republik Frankreich vermacht. Nach Anpflanzung von über 8000 holländischen Rosenstöcken entstand der Garten Ende der 1920-er Jahre im Sinne Birons wieder neu, dabei folgte man der ästhetischen Tradition des 18. Jahrhunderts.
Neugestaltung und getaufte Rose
Gartenarchitekt Jacques Sgard erhielt 1993 den Auftrag, den Garten neu zu gestalten. Verschwiegenere Wegführung, thematische Pflanzungen, plätschernde Fontänen, sanfte Moosteppiche und Rasenflächen sowie letztlich die Aufstellung von Skulpturen des literarisch (u.a. von Dante und Baudelaire) beeinflussten Rodin erzeugen ein harmonisches Bild von Poetik und Ästhetik. Ein Kinderspielplatz sowie eine Caféteria gehören zu den moderneren Aspekten der Gestaltung und werden von den Besuchern gern angenommen. Mme. Chaban-Delmas, die Witwe des ehem. Verteidigungsministers von Frankreich taufte im Juni 2005 eine Rosenneuzüchtung auf den Namen RODIN ® Var. Meigadraz. 700 Stöcke dieser Art blühen seitdem hier im Garten. Für einen Eintrittspreis von gerade einmal 1 Euro (in den Garten) können Sie heute Kunstgenuß und Gartenfreude gleichermaßen genießen. Tun Sie es! Wir versprechen Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.
Zur Ausstellung der Kunstwerke von Auguste Rodin (1840-1917)
Bereits auf dem Bahnsteig der nächstgelegenen Metrostation Varenne (Linie 13) empfangen den Besucher des Museums zwei originalgetreue Kopien von riesenhaften und ausdrucksstarken Skulpturen des Meisterbildhauers. Zum Einen ist es “Der Denker”, vollendet 1882. Es ist dies eine Figur aus dem Meisterwerk “Das Höllentor”, als Staatsauftrag geschaffen. Obwohl in unserer modernen Industriegesellschaft heutzutage das Denken oft nach dem Konsumieren kommt, stehen immerhin 20 Abgüsse des Originals verstreut auf der ganzen Welt. Modell gesessen hat im übrigen kein muskulöser Philosoph sondern der Profiboxer Jean Baud.
Die zweite Monumentalskulptur stellt Honoré de Balzac dar. Auch sie ist ein staatliches Auftragswerk, geschaffen um 1896. (NB: Bei Ihrem Spaziergang auf dem Boulevard Raspail werden Sie den ersten Abguß dieser Skulptur entdecken.)
Zur Pariser Kollektion der Werke Rodins gehören verständlicherweise viele Originale. Jedoch sind auch einige im Rodinmuseum in Meudon ausgestellt, weitere finden sich in Sammlungen weltweit.
Eins der bekanntesten Werke ist der bereits oben erwähnte “Denker”. Er ist hier als Sockelskulptur im Garten zu sehen.
Die Figurengruppe “Die Bürger von Calais” beeindruckt besonders durch die für Rodin typische “Rundumbildhauerei”. Die kräftig gearbeiteten Gliedmaßen, Hände und Füße, die traurigen aber entschlossenen Gesichter der Figuren vermitteln einen direkten Eindruck von den Geschehnissen während der Belagerung Calais’ im Hundertjährigen Krieg.
“Das Höllentor” – Rodins Meisterwerk. 37 Jahre hat er daran gearbeitet. Ursprünglich war es als Auftragsarbeit für das neue Portal des Musée des Arts et Décoratifs gedacht. Dargestellt sind literarische Figuren und Szenen, unter anderem aus Dante Alighieris “Göttlicher Komödie”. Viele der Figuren hat der Künstler während der Schaffensperiode als Einzelfiguren geschaffen, so u.a. den “Denker”. Zum besseren Betrachten der Details ist in circa 20 Meter Entfernung vor dem Tor ein Fernrohr aufgestellt. Aus verständlichen Gründen ist es ständig umlagert.
Die im Gebäude gezeigte ständige Ausstellung umfasst neben weiteren Skulpturen auch Zeichnungen, Drucke und Stiche, desweiteren Fotografien des Künstlers. Weniger bekannt dürfte sein, dass Rodin auch als Sammler in Erscheinung getreten ist. So finden sich hier zum Beispiel Werke seiner malenden Kollegen Van Gogh, Renoir, Carrière und anderer.
Außerdem beschäftigen sich Wechselausstellungen im Hause mit Rodins Werk und Wirkung.
Aktuell: Matisse und Rodin (23.Oktober 2009 bis 28. Februar 2010)
(Das erste außereuropäische Rodin Museum wurde am 27. Oktober 2009 in Bahia, Brasilien eröffnet. Für die Dauer von 3 Jahren überlässt das Pariser Rodin Museum 62 Gipsabgüsse für die Schau im dortigen Kunstpalast Palacete das Artes.)
In der dem Museum angeschlossenen Boutique werden neben Postkarten, Bildbänden und DVD auch Schals, Kaffeetassen, Hocker und Buntstifte mit Rodinmotiven sowie verkleinerte Kopien seiner Kunstwerke verkauft.
Lage:
7. Arrondissement
Adresse:
79, Rue de Varenne
75007 Paris
Verkehrsverbindung:
Varenne
Öffnungzeiten und Eintrittspreise erfahren Sie hier.
(Alle Fotos: Mirko Trinks, Berlin)





